Ein Leben zwischen Batavia, Amsterdam, Liebe, Verlust und Widerstandskraft
Die Lebensgeschichte von Yvonne Edith Mulié
Die Welt, in der alles beginnt
Die Geschichte von Yvonne beginnt nicht mit einem Datum, sondern mit einer Welt.
Eine Welt, in der tropischer Regen plötzlich aus dem Himmel fällt, in der Nelken und feuchte Erde duften, in der Waringin‑Bäume ihren Schatten über staubige Wege werfen.
Es ist das Indië der 1920er und 1930er Jahre – eine vielschichtige Gesellschaft, in der europäische Villen neben javanischen Kampongs stehen, in der chinesische Händler, indo‑europäische Familien und javanische Arbeiter sich täglich begegnen.
Augustus Gijsbertus (Guus) Mulié
Augustus Gijsbertus (Guus) Mulié, geboren am 29. Dezember 1886 in Zoeterwoude, Sohn von Johannes Mulié, Zahnersatzmacher, und Carolina Gerardina Henrietta Nieuwenhuizen. Guus wächst in einer Welt der Präzision und des Handwerks auf. In der Werkstatt seines Vaters sieht er, wie sich Können und Geduld zu etwas verbinden, das Menschen ihr Lächeln zurückgibt. Es ist nicht schwer vorstellbar, wie er dort seine eigene Berufung fand: Zahnarzt zu werden – ein Beruf, in dem Technik, Fürsorge und Menschlichkeit einander berühren.
Emma de Leeuwe
Emma de Leeuwe, geboren am 13. August 1891 in Den Haag, Tochter von Izaak de Leeuwe, Regenschirmmacher, und Marianne Frank, aus einer warmen jüdischen Familie stammend. Emma wächst auf zwischen Stoffen, Stäben, Fäden und Händen, die immer etwas erschaffen. Ihr Vater arbeitete mit Präzision, ihre Mutter mit Sanftheit. Es war ein Zuhause, in dem Handwerk und Wärme einander fanden.
Guus reist nach Niederländisch - Indien
Am 25. Februar 1913 reist Guus nach Soerabaja. Ein junger Zahnarzt, dessen Beruf überall auf der Welt gebraucht wird – in der Kolonie vielleicht noch mehr als anderswo. Er kommt in einer Welt an, die nach feuchter Erde, Nelken und Meersalz riecht, und findet schon bald seine erste Unterkunft.
Am 29. April 1913 wird er an der Schenkweg 112 in Soerabaja registriert. Eine Adresse, die heute fast im Nebel der Zeit verschwindet, damals jedoch der Anfang eines neuen Lebens war.
Emma folgt ihm
Wann Emma genau nach Indië aufbrach, lässt sich nicht mehr feststellen. Keine Passagierliste trägt ihren Namen, keine Zeitungsnotiz erwähnt ihre Reise. Doch irgendwo zwischen Koffern, Briefen und Tropennächten muss der Moment gelegen haben, an dem sie ihr vertrautes Den Haag verließ, um sich Guus anzuschließen.
Vielleicht stand sie auf dem Deck eines Dampfschiffs, der Wind in ihrem Haar, während die Küstenlinie der Niederlande langsam verblasste. Vielleicht reiste sie mit einer Mischung aus Mut und Sehnsucht, ohne zu wissen, was sie erwartete – aber sicher in einem Punkt: dass ihre Zukunft nicht länger in Europa lag.

Geburtsurkunde von Augustus Gijsbertus (Guus) Mulié 1886


Die Hochzeit in Soerabaja
Was wir jedoch wissen, ist, dass Guus und Emma einander in den Tropen fanden. Nicht in Den Haag, nicht in Zoeterwoude, sondern in Soerabaja – einer Stadt voller Wärme, Handel, Geschäftigkeit und neuer Möglichkeiten.
Am 21. August 1913 heiraten sie dort. Eine Hochzeit, die nicht unter holländischem Regen begann, sondern unter einem Himmel, der anders roch, anders klang, anders fühlte. Eine Hochzeit, die der Anfang eines Lebens wurde, das ihnen drei Töchter schenken sollte.
Eine Familie in den Tropen
In diesem Niederländisch‑Indien, das zugleich sanft und hart sein konnte, werden ihre Töchter geboren:
Augusta (Guusje) – 1919 Yvonne Edith – 1921 Norma Viola – 1922
Guus baut in Malang eine moderne Zahnarztpraxis in der Tjelaket 33–35 auf. Er hat feste Sprechstunden, eine Telefonnummer (294!) und einen Ruf als fortschrittlicher Zahnarzt. 1925 taucht sein Name in den Zeitungen auf: Er fährt einen der allerersten Spijker‑Wagen in Niederländisch‑Indien – ein glänzendes Symbol der Modernität, das in der Familie noch Generationen lang Stoff für Geschichten bleiben sollte.

Die drei Schwestern v.l.n.r.: Norma, Yvonne & Guusje
Zwei Häuser, zwei Wirklichkeiten
Die Ehe hält nicht stand. Am 9. März 1929 wird die Scheidung offiziell ausgesprochen.
Emma zieht mit ihren Töchtern nach Batavia, wo sie an Adressen wie Gg. Scott 10 und später Serangweg 13 lebt. Sie erzieht ihre Töchter in einer Stadt, die zugleich warm und hart sein kann – einer Stadt, in der man sich seinen Platz erkämpfen muss, besonders als alleinerziehende Mutter.
Adressänderung, Quelle: Delpher



Guus bleibt in Malang
Guus bleibt in Malang, baut seine Praxis weiter aus und beginnt ein neues Leben.
Nur zwei Monate nach der Scheidung, am 4. Mai 1929, heiratet er in Soerabaja Juliana Haholij. Obwohl die offizielle standesamtliche Registrierung ihren Namen als Juliana Haholij vermerkt, erscheint sie in nahezu allen Anzeigen, Bekanntmachungen und Zeitungsberichten als Juliana Haholy.
Sie wurde am 14. Oktober 1909 in Toeloengagoeng geboren und war erst zwanzig Jahre alt, als sie Guus heiratete – dreiundzwanzig Jahre jünger als er.
Über ihre Herkunft besteht keine vollständige Gewissheit, doch der Familienname Haholij – der in verschiedenen Quellen auch als Haholy erscheint – ist nachweislich innerhalb molukkischer Familien aus der Region Ambon belegt. Obwohl der Personenstand in Niederländisch‑Indien ethnische Zugehörigkeit selten ausdrücklich vermerkte, weist die Namensstruktur auf eine mögliche molukkische Herkunft hin. Damit bleibt es eine vorsichtige, aber bedeutungsvolle Spur im Verständnis ihres jungen Lebens.
Diese kleine Variation in der Schreibweise – und der große Altersunterschied – erzählen etwas über die Zeit, den kolonialen Kontext und darüber, wie sie im Alltag gesehen und angesprochen wurde.
Innerhalb der Familie blieb sie jedoch nicht „Juliana“
Innerhalb der Familie blieb sie jedoch nicht „Juliana“. Als Guus und Juliana nach dem Krieg in die Niederlande kamen – auch wenn sich aus den verfügbaren Quellen nicht mit Sicherheit rekonstruieren lässt, ob sie dort tatsächlich zusammen wohnten – lernte Anja sie als Tante Sjuul kennen, einen Namen, der ihr sofort eine weichere, häusliche Nähe verlieh. Dieser Spitzname blieb in der Familie haften, weil er besser zu der jungen Frau passte, die sie war, und zu der Wärme, mit der sie sich im Familienleben bewegte.
Die Kinder
1933 wird ihr Sohn geboren: Henri Theodore Mulié. Aus der Familienüberlieferung geht zudem hervor, dass es noch ein zweites Kind im Haushalt gab: eine Tochter namens Thea, geboren vor oder nach Henri.
Über Thea existieren keine offiziellen Dokumente in den Familienarchiven, doch ihr Name taucht seit Generationen in Erzählungen und Erinnerungen auf. Sie wird als das ältere Schwesterchen von Henri genannt, ein Kind, das Teil der Familie von Guus und Juliana in Niederländisch‑Indien war. Ihre Existenz wurde nie formell in den bekannten Papieren festgehalten, doch sie lebt weiter in der mündlichen Familiengeschichte – in beiläufigen Bemerkungen, in Erinnerungen älterer Verwandter, in diesem stillen Bewusstsein, dass es einst noch ein weiteres Kind gab.



Han (Henri) Mulié

Tante Do & Tante Co Huwelijk Yvonne & Bob 1963

Tante Do & Tante Co
Hochzeit Anja und Ron 1967
Die Namensspur von Thea
Es ist naheliegend, dass Thea nach Guus’ älterer Schwester Dorothea Wilhelmina Maria Mulié (1883) benannt wurde, die gemeinsam mit ihrer jüngeren Schwester Jacoba Frederica (1884) viele Jahre in Haarlem lebte, in der Boekenrodestraat 16. Diese beiden unverheirateten, eng verbundenen Schwestern – in der Familie bekannt als Tante Do und Tante Co – bildeten einen warmen, stabilen Mittelpunkt des niederländischen Familienzweigs. Ihr Haus war ein vertrauter Ort, und ihre Anwesenheit spielte eine große Rolle im Leben der Mulié‑Kinder.
Dass Thea ihren Namen als Rufname trug, passt zu der indischen Tradition, in der geliebte Familienmitglieder häufig in den Namen der nächsten Generation geehrt werden.
Eine leise, halb sichtbare Linie in der Familiengeschichte
Damit wird Thea zu einer jener leisen, halb sichtbaren Linien in der Familiengeschichte: ein Kind, das es gab, das seinen Platz in der Familie hatte, dessen greifbare Spuren jedoch durch Zeit, Krieg und Migration verblasst sind. Gerade deshalb verdient sie ihren Platz in der Geschichte von Guus und Juliana – als das erste Kind, das sie gemeinsam bekamen, vor Henri.
Ein neuer Hinweis: Wilmar Mulié
Vor Kurzem wurde zudem Kontakt zu Wilmar Mulié aufgenommen, Theas Sohn, der über MyHeritage ausfindig gemacht werden konnte. Seine Erinnerungen und mögliche Dokumente könnten neue Einblicke in das Leben seiner Mutter geben – und damit ein fehlendes Kapitel der Familiengeschichte weiter öffnen.
Die Reise mit der Baloeran(1939)
Im Sommer 1939 trifft Emma eine Entscheidung, die ihr Leben und das ihrer beiden Töchter für immer verändern wird. Die politischen Spannungen in Niederländisch‑Indien nehmen zu; die internationale Lage wird unruhiger, und Emma spürt, dass es Zeit ist, einen sichereren Ort für ihre Kinder zu suchen.
Am 21. Juni 1939 geht sie gemeinsam mit Yvonne und Norma an Bord der Baloeran, die über Marseille nach Europa fährt. Es ist eine Reise voller Ungewissheit, aber auch mit einem Funken Hoffnung: fort von der Bedrohung, die in Niederländisch‑Indien immer deutlicher zu spüren ist.
Um den 13. Juli 1939 erreicht die Baloeran Rotterdam. Für die beiden Mädchen ist es die erste Begegnung mit den Niederlanden; für Emma ist es eine Rückkehr in ein Land, das zu diesem Zeitpunkt noch frei ist. Niemand kann damals ahnen, dass die Niederlande weniger als ein Jahr später besetzt sein werden.
In den Monaten nach ihrer Ankunft versucht Emma, ein neues Leben aufzubauen. Yvonne jedoch vermisst ihren Vater Guus zutiefst. Sie schreibt ihm Briefe voller Sehnsucht und Fragen, manchmal fast flehend, ob er nicht auch in die Niederlande kommen wolle. Doch Guus ist krank, geschwächt, und bleibt in Niederländisch‑Indien zurück, während Juliana und die Kinder in die Niederlande kommen. Es ist eine Trennung, die niemand gewollt hat, die aber durch die Umstände unausweichlich wird.

Registrierungskarte von Emma beim Jüdischen Rat

Todesurkunde von Emma Mulié - de Leeuwe
Emma – Verfolgung und Verlust (1940–1943)
Nach dem deutschen Einmarsch im Mai 1940 verändert sich die Situation in den Niederlanden schnell und unerbittlich. Emma – alleinerziehende Mutter, verantwortlich für zwei Töchter nach dem Verlust von Guusje – versucht, sich in einem Land zu behaupten, das für Jüdinnen und Juden zunehmend feindselig wird.
Nach den nationalsozialistischen Bestimmungen wird Emma als voll jüdisch registriert. Yvonne und Norma fallen unter die Kategorie Mischling ersten Grades: Kinder mit einem jüdischen und einem nicht‑jüdischen Elternteil.
Doch weil ihr Vater Guus nicht jüdisch war und die Mädchen nicht zur jüdischen Gemeinde gehörten, werden sie letztlich nicht als jüdisch verfolgt. Sie befinden sich in einer bürokratischen Grauzone, die sie – so bitter es ist – schützt.
Emma hingegen unterliegt vollständig den antisemitischen Maßnahmen.
In den Niederlanden muss sie sich bei der Joodse Raad registrieren. Ab Mai 1942 ist sie verpflichtet, den gelben Judenstern zu tragen – sichtbar, vorgeschrieben, ausgrenzend. Ihre Welt wird kleiner: Sie darf nicht mehr reisen, nicht mehr in Parks, nicht mehr in Theater, nicht mehr zu den üblichen Zeiten auf den Markt. Es gibt eine besondere Ausgangssperre für Jüdinnen und Juden. Bankkonten werden gesperrt. Arbeiten darf sie nicht mehr.
1943 muss Emma sich zur „Arbeitsverwendung in Deutschland“ melden. Sie wird nach Westerbork gebracht. Am 27. April 1943 wird sie deportiert. Am 30. April 1943 trifft sie in Sobibor ein, wo sie noch am selben Tag ermordet wird.
Guus – Internierung und Überleben
Während Emma in den Niederlanden verfolgt wird, erlebt Guus in Niederländisch‑Indien einen ganz anderen Krieg.
Während der japanischen Besatzung wird er interniert. Schließlich landet er im Lager Tjimahi Baros 5, wo er unter der Lagernummer 31994 registriert ist.
Baros 5 war ein Männerlager voller Hunger, Entbehrungen, Ungewissheit und Demütigung. Was er dort genau durchgemacht hat, wissen wir nicht – doch dass es ihn gezeichnet hat, steht außer Frage.
Nach dem Krieg kehrt er in die Niederlande zurück. In Haarlem verbringt er seine letzten Jahre.
Am 12. September 1957 stirbt er in Haarlem, 70 Jahre alt.
Juliana lebt noch viele Jahre nach ihm und stirbt am 13. November 1984, im Alter von 75 Jahren.

Todesurkunde von Augustus Gijsbertus (Guus) Mullié
Guusje – Liebe, Zukunft und ein tragisches Ende
Augusta „Guusje“, die Älteste, wächst zu einer modernen jungen Frau heran. Sie arbeitet bei der Firma J.H. Goldberg in Soerabaja – eine respektable, fortschrittliche Anstellung für eine junge Frau in jener Zeit.
Am 12. Juni 1937 verlobt sie sich mit Joseph Gerrit „Guus“ Sammes, geboren am 26. März 1908 in Amsterdam. Guus ist jüdischer Herkunft, sowohl mütterlicher- als auch väterlicherseits – ein Hintergrund, der tief in der Familiengeschichte verankert ist, im Alltag in Niederländisch‑Indien jedoch kaum sichtbar war. 1938 heiraten sie und ziehen in die Embong Gajam 23.
Doch am 14. März 1940 ändert sich alles.
An diesem Tag fährt Guusje in einem Buick mit, der Herrn Goldberg gehört, dem Besitzer eines Optikgeschäfts an der Toendjoengan in Soerabaja. Sowohl Guus Sammes als auch Guusje arbeiteten für ihn: er als Buchhalter, sie als Angestellte. Es ist also eine Fahrt unter Kolleginnen und Kollegen, ein gewöhnlicher Arbeitstag, der nie etwas Besonderes hätte werden müssen. Vorne sitzt Goldberg selbst am Steuer, mit Guusje auf dem Beifahrersitz. Dahinter sitzen ihr Mann, Guus Sammes, und der Chauffeur.
Sie sind unterwegs von Modjokerto in Richtung Djombang, auf dem Weg nach Solo. Es hat geregnet; die Straße ist rutschig, die Kurven tückisch scharf.
Etwa zwölf Kilometer hinter Modjokerto geschieht das Unglück. In einer engen Kurve gerät der Buick ins Schleudern. Der Wagen dreht sich vollständig um die eigene Achse, rutscht quer über die Straße und prallt mit großer Wucht gegen einen Baum am Straßenrand. Der Aufprall ist verheerend. Der Chauffeur, der hinter Guusje sitzt, ist sofort tot. Guus Sammes kommt mit leichten Verletzungen davon, während Goldberg mehrere Rippenbrüche erleidet.
Guusje trifft es am schwersten. Durch die Drehung und den Aufprall löst sich ein Teil des Dachs oder der Karosserie und schlägt auf ihren Kopf. Sie erleidet eine schwere Gehirnerschütterung und verliert das Bewusstsein – eine Verletzung, die sich rasch als lebensbedrohlich erweist.
Alle Verletzten werden in das Krankenhaus von Modjokerto gebracht. Die ersten Meldungen sprechen von einem „ziemlich guten Zustand“, doch eine der Personen sei noch nicht außer Lebensgefahr – und das ist Guusje. Trotz der Versorgung im Krankenhaus stirbt sie kurz darauf an ihren Verletzungen. Sie wird nur zwanzig Jahre alt.
Am 20. März 1940 erscheint in der Zeitung ein Dankeswort ihres Mannes, ihrer Mutter und der Familie Mulié – eine kleine Anzeige, die das Ausmaß des Verlustes kaum fassen kann. Guusje wird auf dem europäischen Friedhof von Soerabaja beigesetzt, wo ihr Grab viele Jahre lang liebevoll gepflegt wurde von Menschen, die sie gekannt hatten.


Zeitungsartikel über den Unfall von Guusje
Quelle: Delpher

Das weitere Leben von Guus Sammes
Nach dem tragischen Verlust von Guusje im März 1940 bleibt Guus Sammes als junger Witwer zurück, kaum aan een toekomst begonnen die in einem einzigen Augenblick zerbrach. Die folgenden Kriegsjahre bringen ihn erneut in Lebensgefahr. Während der japanischen Besatzung gerät er in Kriegsgefangenschaft und wird zum Bau der berüchtigten Burma‑Siam‑Eisenbahn gezwungen – besser bekannt als die Brücke am Kwai, eines der härtesten und tödlichsten Projekte der japanischen Lager. Es ist eine Zeit, über die er später kaum sprach, die jedoch sein Leben unauslöschlich geprägt hat.
Nach dem Krieg entscheidet sich Guus für einen Neuanfang, weit entfernt von Niederländisch‑Indien. Er geht nach Hongkong, wo er in den Diamantenhandel einsteigt – eine Welt der Präzision, des Vertrauens und der internationalen Verbindungen, eine Welt, in der er trotz allem, was er durchlitten hatte, wieder Wurzeln schlagen kann. Er heiratet erneut: Marjorie Sleebos (geboren 1914), deren englischer Lebensweg und Umfeld im Kontrast zu ihrem eindeutig niederländischen Familiennamen stehen. Gemeinsam leben sie auf The Peak, dem höchsten und prestigeträchtigsten Teil Hongkongs, mit Blick über die Stadt und den Hafen.

Verlobung Guusje und Guus 1937

Hochzeit Guusje und Guus 1938
Und doch bleibt die Verbindung zu den Niederlanden bestehen
Und doch reißt die Bindung zu den Niederlanden nie ab. Guus reist regelmäßig nach Amsterdam und pflegt über viele Jahre eine herzliche Korrespondenz mit Yvonne, seiner früheren Schwägerin. Für sie bleibt er eine lebendige Erinnerung an Guusje – an die Frau, die sie gewesen war, und an das Leben, das ihr nie vergönnt war zu vollenden.
Im Jahr 1991 folgt Yvonne seiner Einladung und reist im Alter von siebzig Jahren allein nach Hongkong. Es wird eine besondere Reise, die sie anschließend nach Java und Bali fortsetzt – eine Rückkehr in das Land ihrer Jugend, getragen von der Gastfreundschaft des Mannes, der einst mit ihrer Schwester verheiratet war.
Im Januar 1996 kehren Yvonne und Norma erneut nach Hongkong zurück, diesmal in Begleitung von Anja, die die Reise sorgfältig vorbereitet und dokumentiert. Während dieses Aufenthalts begegnen sie wieder Guus Sammes, dem Mann, der einst mit Guusje verheiratet war und der nun schon seit Jahrzehnten in Hongkong lebt. Zu diesem Zeitpunkt ist er erneut Witwer geworden: Seine zweite Ehefrau, Marjorie Sleebos (geb. 1914), ist 1995 verstorben. Für Anja ist es eine besondere Begegnung – ein lebendiges Bindeglied zur Vergangenheit, zu den Geschichten, die sie aus der Familie kannte und die nun plötzlich ein Gesicht bekommen. Die Reise wird für alle drei zu einer intensiven, bedeutungsvollen Erfahrung – ein Moment, in dem Geschichte, Erinnerung und Gegenwart ineinandergreifen und ein lange offener Kreis sich endlich schließt.
Ende 1996 stirbt Guus Sammes in Hongkong.
Norma – hundert Jahre Leben, hundert Jahre Liebe
Norma lebte ein ganzes Jahrhundert und trug all die Jahre ihre Erfahrungen mit sich. Sie wurde 1922 in Malang geboren, in einer Familie, in der der Alltag von Wärme, Rhythmus und Gewohnheiten geprägt war, die heute längst der Vergangenheit angehören.
Nach dem Zweiten Weltkrieg kehrte Norma in ihr Geburtsland zurück, das inzwischen das unabhängige Indonesien geworden war. Es war eine Zeit des Wandels, aber auch des Neubeginns – eine Suche nach einem Platz in einem Land, das vertraut war und doch anders erschien.
In diesen Jahren wurden ihre Kinder geboren. Robert Willem kam am 19. Februar 1948 im katholischen Krankenhaus von Soerabaja zur Welt, in einer Zeit, in der die Familie an der Palmenlaan 73 wohnte.
In der ersten Hälfte der fünfziger Jahre reisten Norma, Johan und Robert in die Niederlande aus. Dort wurde auch Anita geboren – am 20. April 1955 –, wie eine Anzeige in der Haagse Courant vom 14. April 1955 bestätigt, aus der hervorgeht, dass ihre Geburt in Den Haag stattfand.
Die politische Lage änderte sich 1957 erneut, in jener Zeit, die später als Zwarte Sinterklaas bekannt wurde. Niederländer galten nun als Staatsfeinde und mussten das Land verlassen. Für Norma und ihre Familie bedeutete dies, dass eine Rückkehr nach Indonesien nicht mehr möglich war und ihre Zukunft endgültig in den Niederlanden lag.
Im Jahr xxxx verlor Norma ihren Mann, Johan van Moppes. Es war ein schwerer Verlust, doch sie blieb bemerkenswert standhaft. Sie behielt ihren Humor, ihre Klarheit und ihre eigene Art, die Welt zu betrachten. Auf ihrer eigenen Trauerkarte stand: „Na, ich muss ja nicht hundert werden.“ Es war genau so, wie sie war – nüchtern, ehrlich und ohne Bedürfnis nach großen Worten. Doch das Leben entschied anders: Geboren am 8. November 1922 erreichte Norma ihren hundertsten Geburtstag tatsächlich. Sie starb am 22. Dezember 2022 in Den Haag, friedlich, nach einem langen Leben, das sich in aller Schlichtheit entfaltet hatte.
Ein Jahrhundert zu leben bedeutet, viel Wandel zu erleben, Generationen heranwachsen und weiterziehen zu sehen. Norma hat all das miterlebt – Schritt für Schritt, mit einem ruhigen Blick und einer festen, unverwechselbaren Art zu sein.

Norma Viola van Moppes - Mulié 1922 - 2022

Yvonne – Krieg, Überleben und der Schatten des Verlusts
Yvonne kommt mit ihrer Mutter und ihrer Schwester in den Niederlanden an, wo sie den Krieg dank ihrer gemischten Herkunft überlebt, wie zuvor beschrieben. In diesen Jahren baut sie sich ein neues Leben auf – mit einer Kraft, die ihr ganzes weiteres Leben prägen sollte.
Liebe und Mutterschaft
Sie heiratet Coenraad Johan van Dijk Blok und bekommt zwei Söhne: Roland (1944) und Robert (Robbeke) (1949). Die Ehe hält nicht stand, und Yvonne steht schon in jungen Jahren allein da.
Zu diesem Zeitpunkt verfügt sie bereits über fast zwanzig Jahre Bühnenerfahrung – sie stand schon als Mädchen auf den Brettern. So trat sie im Theater Carré auf, in einer Revue von John de Mol sr., dem Großvater von Linda de Mol. Ihr Name stand sogar im Programmheft. Es war ein kleiner, glänzender Moment, der ihr Talent bestätigte und an den sie ihr Leben lang mit Stolz zurückdenken würde.
Diese frühen Jahre auf der Bühne sollten sie später erneut retten.
Zwischen Zelten und Musik: Yvonnes Zeit beim Circus Barlay
Nach ihrer Scheidung entscheidet sich Yvonne für einen radikalen Neuanfang. 1951 schließt sie sich dem Circus Barlay an, einem deutschen Wanderzirkus, der in diesen Jahren große Bekanntheit genießt. Der Zirkus, geführt vom charismatischen Harry Barlay, reist durch ganz Deutschland und präsentiert ein Programm voller Pferdenummern, Luftakrobatik, Clowns, Raubtiere sowie eindrucksvoller Darbietungen mit Eisbären und Löwen.
Yvonne arbeitet dort als Tänzerin – als Teil des Chorus, jener Gruppe von Revue‑Tänzerinnen, die zwischen den großen Nummern Farbe, Rhythmus und Glamour in das Programm bringen. Es ist kein romantischer Impuls, sondern eine praktische und mutige Entscheidung: Sie braucht ein Einkommen, um für sich und ihren kleinen Sohn Robbeke sorgen zu können. Der Zirkus bietet ihr Arbeit, ein Gehalt und eine Gemeinschaft, die sie in einer Zeit auffängt, in der sie alles neu aufbauen muss.
Sie reist mit der Truppe von Stadt zu Stadt, lebt zwischen Artisten, Tierpflegern und Technikern und wird Teil der pulsierenden, nomadischen Welt des Zirkuslebens der Nachkriegszeit. Während der Circus Barlay 1951 unter anderem in Leipzig gastiert, tanzt Yvonne Abend für Abend im großen Zirkuszelt – ein kurzes, aber intensives Kapitel, das ihr die Kraft gibt, weiterzugehen.
Der Verlust von Robbeke
Am 12. Februar 1961 stürzt Robbeke von einer Schaukel. In derselben Nacht stirbt er unerwartet im Schlaf. Er wird nur zwölf Jahre alt. Es ist ein Verlust, der wie ein Schatten durch Yvonnes Leben zieht – doch er bricht niemals ihre Fähigkeit zu Liebe und Wärme.
Yvonnes zwanzig Jahre Bühnenerfahrung
Amsterdam – ein zweites Leben, ein zweiter Atem
1963 tritt Anja durch Roland in Yvonnes Leben. Es ist ein Jahr neuer Verbindungen, neuer Gesichter und eines langsam zurückkehrenden Vertrauens in die Zukunft. Am 30. Oktober desselben Jahres heiratet Yvonne Albertus Theodorus van Mook, genannt Bob, mit dem sie in Amsterdam ein neues Kapitel beginnt. Sie lassen sich in der Eemsstraat 68 hs nieder.
1967 heiraten Anja und Roland und bauen ihr Leben in der Schweiz auf, in Luzern. Die Stadt am Vierwaldstättersee wird ihr Zuhause – ein fester Ort, an dem Familie immer willkommen ist und an dem sich die Linien zwischen den Niederlanden und der Schweiz zunehmend verweben.
Bob arbeitet in Amsterdam als Busfahrer bei American Express und begleitet von Ende der sechziger bis in die siebziger Jahre amerikanische Reisegruppen auf Rundfahrten durch Europa – eine Zeit, in der der Dollar stark ist und der internationale Tourismus aufblüht. Seine Routen führen ihn regelmäßig nach Luzern, wo er an seinem freien Tag und der dazugehörigen Nacht stets Anja und Roland besucht. So entsteht eine warme, selbstverständliche Verbindung zwischen Amsterdam und der Schweiz, getragen von Familienbanden, die sich über Länder und Jahrzehnte erstrecken.
Yvonne ist mit Bob glücklich. Gemeinsam unternehmen sie schöne Reisen, unter anderem zu den ABC‑Inseln und nach Suriname. Es sind Jahre, in denen sie – nach einem Leben voller Verlust und Bruchlinien – wieder erfährt, was Leichtigkeit, Abenteuer und geteilte Freude bedeuten. Amsterdam wird ihr fester Ankerpunkt, doch ihr Leben spielt sich auf mehreren Achsen ab: die Stadt, die Familie in Luzern, die Erinnerungen an Niederländisch‑Indien und die neuen Welten, die sie mit Bob entdeckt.
Bob van Mook stirbt am 18. Juli 1994 in Amsterdam. Sein Tod markiert das Ende eines langen gemeinsamen Weges, hinterlässt jedoch eine Spur von Reisen, Geschichten und Liebe – ein zweites Leben, ein zweiter Atem, den Yvonne in ihren späteren Jahren noch in vollen Zügen erleben durfte.

Hochzeit von Yvonne und Bob van Mook 1963

Anja und Yvonne an der indischen Reistafel in Amsterdam

Yvonne, fünfzig Jahre alt – 1971
Yvonne auf den Rundfahrtbooten
Amsterdam wird ihre Stadt. Ihre Kulisse. Ihre Bühne. Von 1957 bis 1991 arbeitet Yvonne auf den Rundfahrtbooten – mehr als dreiunddreißig Jahre lang – unter anderem bei der Rederij Lovers. Sie kennt die Grachten, die Fassaden, die Brücken und die Geschichten, als gehörten sie zu ihr selbst. Und im Grunde war es auch so.
Yvonne war eine Frau mit vielen Gesichtern und noch mehr Talenten. Sie tanzte, sie sang, sie nähte, sie erzählte Geschichten – und all das mit einer ganz selbstverständlichen Eleganz. Ihren Führungstext kannte sie auswendig, in mehreren Sprachen, und sie wechselte mühelos zu dem, was die Situation verlangte: Englisch, Deutsch, Französisch, manchmal sogar ein paar Worte Spanisch oder Italienisch. Touristen hielten sie oft für eine gebürtige Amsterdamerin, doch auch das war nur eine ihrer vielen Rollen.
Und dann gab es dieses herrliche Detail: Wenn Roland oder Anja mitfuhren, steckte Yvonne ihnen unterwegs heimlich Münzen zu. Sie sollten als Erste aussteigen und „ganz zufällig“ an der Trinkgeldkasse vorbeigehen – genau so, wie es gedacht war. Eine kleine Inszenierung, mit einem Augenzwinkern ausgeführt, die Yvonnes Charme, Humor und Einfallsreichtum perfekt zusammenfasste.
Am Abend, wenn die Boote stilllagen und die Stadt zur Ruhe kam, saß sie zu Hause an der Nähmaschine. Sie nähte Kostüme für ihre Enkelkinder, Kleidung für sich selbst, manchmal auch für andere – immer mit Liebe, immer mit einem Blick für jedes Detail.
33 Jahre Rundfahrtführerin, 1957–1991
Erstes Foto: Yvonne mit ihrem ältesten Sohn Ron
Yvonne – ein Leben, das leise weiterwirkt
Am Ende ihres langen Lebens ist Yvonne umgeben von einem kleinen Kreis von Menschen, die sie wirklich kannten. Nicht nur ihre Stimme oder ihre Gewohnheiten, sondern ihre Art zu schauen, ihren Humor, ihre eigensinnige Sanftheit. Sie lebte ein kreatives Leben – ein Leben, in dem sie immer iets schuf, etwas milder machte, etwas schöner hinterließ, als sie es vorgefunden hatte.
In ihren letzten Jahren wurde sie kleiner an Gestalt, aber nie kleiner an Präsenz. Etwas in ihr blieb strahlend – eine stille Klarheit, als wolle sie immer noch einen Gedanken, eine Erinnerung, ein Lächeln weitergeben.
Ihr Nachkommen tragen dieses Licht weiter:Roland & Monika, Anja, Jolanda & Andy, mit Rian und Samira,Robin, Norma, Thea, Han & Anouska,Cindy & Jeroen, mit Yoeri, Romy und Amber.
In diesen Namen liegt eine ganze Welt. Eine Familie, die sich über Länder und Generationen erstreckt, in der jedoch immer wieder etwas von Yvonne zurückkehrt: eine bestimmte Art zu lachen, eine unerwartete Empfindsamkeit, ein kreativer Impuls, der plötzlich in einem Enkelkind aufleuchtet.
Manchmal ist es nur eine kleine Geste – eine Hand, die einen Moment länger auf einer Schulter ruht – und doch spürt man: Das kommt von ihr.


Yvonne in ihrer Wohnung – meist ganz in Weiß gekleidet
Schluss – drei Schwestern, eine Geschichte
Gemeinsam formen die Leben von Guusje, Yvonne und Norma eine Geschichte, die nicht nur davon erzählt, was verloren ging, sondern vor allem davon, was geblieben ist. Drei Schwestern, die jede ihren eigenen Weg gingen und doch in ihrem Wesen, ihren Entscheidungen und ihrer stillen Stärke unauflöslich miteinander verbunden blieben. Ihre Lebenswege führten durch unterschiedliche Zeiten und verschiedene Welten, doch der Grundton war derselbe: eine Liebe, die sich nicht brechen ließ; eine Widerstandskraft, die immer wieder aufstand; ein Humor, der selbst in schweren Momenten Licht brachte; und ein tiefes Gefühl von Familie, das nie verschwand, wie weit die Wege auch auseinanderliefen.
In den Erinnerungen, die weitergegeben wurden, in den Geschichten, die noch immer erzählt werden, in den kleinen Gesten, die plötzlich Vertrautheit hervorrufen, leben sie fort – als drei Stimmen aus einer einzigen Quelle.
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